An das Gesicht

des Busfahrers kann ich mich nicht erinnern. Nur dass er mit der Abfahrt geduldig wartete, bis ich für das Lebkuchenhaus vom Weihnachtsbasar der Schule einen sicheren Ablageplatz gefunden hatte. Es war dunkel in dem Bus. Ein irgendwie ältliches Licht schuf eine Schummrigkeit, wie ich sie aus meiner Kindheit erinnere. Die Welt war damals ein weniger ausgeleuchteter Ort.

Die Kinder hatten sich weit nach hinten verdrückt. A. auf die letzte Bank; N. saß mit einem Mitschüler eine Sitzreihe davor. Als ich mich zu A. setzen wollte, fiel mein Blick auf das Schild. Es war über der Heckscheibe des Busses befestigt und im Dunkeln kaum wahrzunehmen. „Jeder Fahrgast ist verpflichtet, sich einen festen Halt zu verschaffen.“ Die ängstliche Regulationswut, die in dieser Anordnung steckt, fand ich putzig. Gleichzeitig ist etwas Anrührendes darin. Weil von irgendwo aus dem Dunkel hinter diesem Satz ein Seufzen zu hören ist. Über die vergebliche Mühe, in diesem Leben immer und sicher auf den Beinen bleiben zu wollen.

Ich versuchte mir den Menschen vorzustellen, der sich diesen Satz ausgedacht hatte. Ich sehe dabei einen Mann vor mir. Er hat schütteres, streng zurück gekämmtes Haar. Sein weißes Hemd ist mit einem feinen, rot-blauen Gittermuster versehen. Über dem Hemd trägt er einen weinroten Westover. Die Manschetten seines Hemdes hat er zweimal zurückgeschlagen. Es ist Abend und er sitzt länger in seinem Büro, als er es üblicherweise tut. Er kommt mit diesem Satz nicht zurecht, den er zu fomulieren hat. Morgen sollen die Hinweisschilder in Auftrag gehen und dieser Satz will ihm nicht gelingen. Er starrt in die Dunkelheit hinter dem Lichtkegel seiner Schreibtischlampe. Die Kollegen sind alle schon gegangen. Es ist still. Und nichts ist so still wie das Grün der Schreibunterlage, auf die er sich seit Jahren stützt und die ihm jetzt keinen Halt mehr verschafft.

Ich versuche

mich an die neuliche Woche alleinzuhaus zu erinnern. Knapp 8 Tage her; und alles schon verweht. Wie immer.

Nur der Mittwoch ist mir noch einigermaßen gewärtig. Am Morgen ein deprimierendes Telefongespräch. Dann stundenlanges Möbelräumen und Zimmerputzen. Zunehmend erkältet, aber auch zunehmend gut gelaunt. Somafm, Sonic Universe. Abends dann ins hübsch frisch bezogene Bett gehuppst. Mit einem Ingwer-Limetten-Salbei Tee. Und Glühwein. Einige Linuxe geladen, die mein zerschossenes System ersetzen könnten, und parallel Netflix laufen lassen. Enterprise. Welcher Aufguss weiß ich nicht, jedenfalls der mit Captain Archer. Die Geschichten und Figuren herzergreifend flach in wahlweise metallklappernder oder kunstblumiger Gegend. Außerirdische mit so frappierenden Gesichtern, dass ich mir wünschte, das Budget hätte für Nacktaufnahmen gereicht. Mit einem „Gute Nacht, John-Boy“-Gefühl eingeschlafen. Auch am nächsten Morgen war noch Restzufriedenheit nachweisbar.

Es ist schön

im Bus des Schienenersatzverkehrs (SEV) zu sitzen und ein Brötchen zu essen. Ich bin der einzige Fahrgast. Ich sitze gegenüber dem hinteren Ausstieg. Die Gegend, durch die wir fahren, kommt mir im Doppel-Rahmen der Tür ganz unbekannt vor. Es ist fast dunkel draußen. Ich stelle mir vor, dass der Bus mich an einen abwegigen Ort bringt, Vilnius, Riga, Tallinn vielleicht. Ich wüsste dann nicht, wo ich bleiben sollte, wenn der Bus hielte und ich aussteigen müsste.

Heute klappt es

besser. Bevor es anfing zu regnen, hatte ich den Draht gespannt, der den Zaun stabilisieren soll. Ich sitze im Bus, der mich ins Kino bringt. Ich weiß, mit welchen Verkehrsmitteln ich wieder zurück komme. Ich habe mir sogar ein Brötchen gemacht. Nur ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter habe ich nicht besorgt.

Auf dem Weg zum Bahnhof bin ich schnell gegangen; und wegen des Regens vornüber gebeugt. Ich habe mich gefragt, ob ich aussehe wie jemand, der fällt und das aufzuhalten versucht. Wegen des Regens und der extremen Ländlichkeit meines Wohnortes, war aber niemand auf der Straße, der mir diese Frage hätte bejahen oder verneinen können.